Donnerstag, 4. Juli 2013

Zu lange durch den Strohhalm geatmet >: []

Fraule hat Asthma. Schon seit ihrer Pubertät. Sie hatte also viel Zeit, sich daran zu gewöhnen und kann gut damit leben. Ohne Medikamente geht das allerdings nicht. Denn regelmässig, mehrfach am Tag, verengen sich die Atemwege und die Bronchialmuskulatur verkrampft, so dass Fraule das Atmen schwer fällt. Zum Glück gibt es für sowas ja aber Mittel, die augenblicklich wirken. Nach wenigen Sekunden kann Fraule wieder normal atmen für die nächsten Stunden, und das beklemmende Gefühl weicht der Erleichterung.
Es gab aber schon Zeiten, da waren die Anfälle so schlimm, dass kein Mittel mehr geholfen hat. Da hiess es dann: Aussitzen. Fraule erinnert sich an Momente, in denen sie die Nächte sitzend im Bett ausgeharrt hat, da das Liegen oder gar Schlafen mit Atemnot unmöglich ist. Sie erinnert sich an Momente, in denen sie mit dem Tempo einer uralten Frau durch die Strassen geschlichen ist, um an jeder Parkbank zu verschnaufen, weil die Luft zum Atmen so knapp war, dass jede Bewegung zu einer unglaublichen Anstrengung wurde. Sie erinnert sich, dass sie auf einer der vielen Parkbänke vor lauter Erschöpfung im Sitzen eingeschlafen ist.

Ich glaube, über die Furcht und Panik, die einen beschleicht, wenn man nicht mehr die Fähigkeit hat, genügend Sauerstoff in seine Lungen zu pumpen, muss ich nichts schreiben. Das sollte sich ein normaler Mensch vorstellen können. Dazu kommt das Gefühl der Verzweifelung, denn man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie es nochmal ist, so zu atmen, dass man es gar nicht mitbekommt - so wie es für alle anderen um einen herum auch völlig selbstverständlich ist. Fraule erinnert sich an ihren viel zu schnellen Pulsschlag, an Herzrasen und Schwindel und an die Schmerzen in der Lunge und in jeder Rippe in den nächsten Tagen, weil das ungewohnte heftige Luftholen den Organen und Muskeln zusetzt. Und an das dringende Gefühl, LEBEN und einfach nur ATMEN zu wollen!

Wer sonst noch an Asthma leidet, weiß, wovon ich spreche. Alle anderen können sich einfach mal einen Strohhalm in den Mund stecken und versuchen, drei Minuten dadurch zu atmen.
Dann wären wir alle zumindest in der gleichen Ausgangslage, um ungefähr erahnen zu können, wie es einem Hund wohl so ergehen mag, dem man aus "Erziehungsgründen" mit einem Würgehalsband die Luft abschnürt, damit er "lernt", ein bestimmtes Verhalten nicht mehr zu zeigen. Oder den man - weil ein wenig Zug offensichtlich nicht die erhoffte Wirkung zeigt - dann eben so stark würgt, dass man ihn an der Leine nach oben lupft, bis er den Bodenkontakt verliert. Und weil das immer noch nichts bringt, ihn da oben einfach ein paar Minuten baumeln lässt.

Ja, ganz gewiss: Der Hund, der da gerade um sein Leben kämpft, hat ja natürlich dabei auch genug Zeit - wenn er da so baumelt - sich in Ruhe zu überlegen, warum er dort hängt. Er wird natürlich reflektieren und erkennen, dass sein ungebührliches Verhalten (wie etwa etwas so Ungeheuerliches wie Leineziehen) Grund für die Würgerei ist. Sein Mensch meint es ja nur gut mit ihm! Und er wird sich fest vornehmen, nie wieder an der Leine zu zerren, wenn man ihn nur erst herunterlassen würde und er jemals wieder aus der Ohnmacht erwachen sollte. Allerdings gibt es auch die Fälle, in denen es besser gewesen wäre, lieber nicht mehr aufzuwachen.

Ihr glaubt, solche Methoden sind nur Ausnahmeerscheinungen, kein normaler Mensch würde je mit seinem besten Freund auf vier Pfoten so umgehen? Tja. Falsch gedacht!
Es gibt immer noch viele sogenannte "Hundetrainer", die empfehlen, Hunde zu Erziehungszwecken zu würgen. Und man trifft mehr Menschen auf der Strasse als man sich vorstellen kann, die Würgehalsbänder bei ihren Hunden dauerhaft im Einsatz haben.

Seltsam.
Ich behaupte jetzt mal, in der Kindererziehung läuft das anders. Die wenigsten Eltern kämen je auf die Idee, ihre Kinder aus pädagogischen Gründen zu würgen oder aufzuhängen. Und ich schätze, sie kämen deshalb nicht auf die Idee, weil ihnen ganz intuitiv so was wie Misshandlung oder Folter in den Sinn käme.
Und in der Tat kann ich mir durchaus vorstellen, dass das Würgen bis zur Besinnungslosigkeit in gewissen geheimdienstlerischen Kreisen durchaus zum festen Repertoire gewiefter Folterknechte gehört, um den Gefolterten ihre Geheimnisse zu entlocken.

Wieso aber kommt keiner, der seinem Hund ein Würgehalsband zumutet, auf die Idee, dass es auch Folter sein könnte, einem Hund die Luft abzuschnüren? Wieso erdreisten sich Menschen zu glauben, mit ihren Vierbeinern so umgehen zu dürfen?
Wieso haben diese Menschen überhaupt Hunde, wenn sie doch offensichtlich Universen davon entfernt sind, so etwas wie Empathie, Respekt oder gar Liebe für sie zu empfinden?
Wieso erzählen gerade diese Menschen gerne, dass sie ihre Hunde nicht "vermenschlichen" möchten - obwohl sie doch genau dies tun?! Schliesslich erwarten sie ja, dass der Hund wie ein Mensch unter Folter versteht und einsieht, warum er gefoltert wird und was von ihm erwartet wird.
Wie kann ein Mensch einem anvertrauten Schutzbefohlenen so etwas antun???

Ich schätze, möglicherweise deshalb, weil sie einfach selber zu lange durch den Strohhalm geatmet haben und ihr Hirn durch den Sauerstoffmangel irreparablen Schaden genommen hat! >: [

10 eloquente Meinungen zu dem Quatsch : )

  1. Danke, immer wieder für deine Artikel. Du machst immer so schön klar, wie unverständlich und abartig manche Dinge sind.

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  2. Ich will die "Gegenargumente" gar nicht lesen.

    Also bedanke ich mich schnell bei dir, bevor du mit Idiotie zugebombt wirst!

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    1. ich glaube, in diesem fall, wird sich die gegenseite zurückhalten. niemand gibt gerne zu, dass er gerne würgt, weil er offensichtlich ansonsten zu faul, zu dumm oder beides ist und es anders nicht auf die reihe kriegt : )

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  3. Toller Artikel! Auch wenn ich glaube, das die, die ihn sich wirklich durchlesen müssten, ihn nicht verstehen (wollen !).

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  4. Hallo,
    ich kenne auch Hundeschulen, die das Stachelhalsband gelegentlich einsetzen. Und ich würde bei den Hundetrainern gerne dasselbe tun. Ihnen Asthma an den Hals zu wünschen mag ich nicht. Ich denke mir, dass Du schlimme Zeiten erlebt hast.
    Ich kann mich Dir nur anschließen, finde es aber sehr bedauerlich, dass heute darüber noch gesprochen werden muss.
    Schön, dass Du es so anschaulich getan hast.

    Viele liebe Grüße
    Sabine und Socke

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  5. Sehr sehr sehr gut geschrieben!
    Wie gerne wuerde ich das im Englischen sehen um meinen Mitmenschen hierzulande zu zeigen was die da so treiben wenn sie ihren Hunden den Atem abschneiden und dabei mit leuchtenden Augen erklaeren das ihr dummes Idol Cesar Milan es auch so macht!

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  6. Würgehalsbänder - auch die ohne Stacheln - sind ein absolutes NoGo. Interessanterweise habe ich das schon vor vielen Jahren von Leuten gehört, die klassische Hundeausbildung betreiben, auch von Schutzhundesportlern. Umso erschrockener war ich, dass es jetzt anscheinend wieder in Mode kommt - oder wohl noch nie aus der Mode war.
    Und es gibt wohl auch Menschen, die sich erzählen lassen, ein Knotenhalsband (würgendes!!) wäre eine sanfte Methode, weil der Knoten auf einen wichtigen Punkt wirkt. So ne Art Akkupressur anscheinend. Da krieg ich n Schleudertrauma vor lauter Kopfschütteln.

    Da denke ich immer, die Leute waren jedesmal mit großen Schirmen unterwegs, wenn der Herr Hirn regnen ließ. Sanfte Methode, bloß weil das Hilfsmittel ohne Metall auskommt, gewaltfreie Ausbildung, weil nie ein lautes Wort fällt. Sowas sollte man immer an den Hundehaltern zuerst vorführen.

    Willi, gut geschrieben!

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    1. Zutreffender kann man es nicht mehr schreiben. Danke Willi!

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  7. Beate Bergander5. Juli 2013 um 10:33

    Das ist wieder mal ein richtig guter Artikel. Aber leider ist es so, dass diejeningen, die ihn lesen und verstehen sollten, es nicht tun. Würgehalsbänder und alles, was in diese Richtung geht, geht gar nicht. Und es gibt verdammt viele Menschen, vor allem Besitzer von kleinen Hunden, die den Hund bei Hundebegegnungen einfach mal vom Boden hochziehen - der wiegt ja nichts, der Kleine - und sich dann wundern, dass er jedesmal ausrastet, wenn er einen anderen Hund trifft. Es tut mir in der Seele weh, dass immer wieder zu beobachten.

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  8. Ich träume gerade einen schönen Traum...
    "Jeder der seinen Hund mit diesen Halsbändern foltert, sollte mal eine Woche lang Nachts Albträume bekommen...Er wäre der Hund der diese Grausamkeit erleiden muss.
    Genial der Gedanke...ob dann Hundetrainer und Co...noch solche Dinger verwenden würden?"
    liebe Grüße von Sylvia

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