Freitag, 27. September 2013

Alles easy? Von wegen: Der steinige Weg zur Tiefenentspannung! : )

Wie oft habe ich wohl schon auf die Wichtigkeit von Ruhe und Entspannung hingewiesen? Mehrfach! Genau.
Und wie oft habe ich Fingerpointing betrieben bezogen auf den Hundesport und die häufig sehr ehrgeizigen Menschen, die mehrfach die Woche mit ihren Hunden stundenlang trainieren und immer noch mehr machen, weil ihre Hunde scheinbar gar nicht mehr müde werden? Auch mehrfach.

Soweit die schnöde Theorie, Freunde der Fußreflexzonenmassagen, kommen wir zur entlarvenden Praxis und fangen wir damit an, zur Abwechslung mal wieder mit dem Finger auf uns selber zu pointen, statt auf andere - auch wenn das deutlich weniger Spaß macht. Grumpf.

Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin! : )
Seit es mich gibt, war ich weit entfernt davon, einer dieser höchst suspekten Schnarchbacken zu sein, die tiefenentspannt durch die Welt dackeln. Ich bin ein Zappelphilip. In meiner Welt gibt es einfach zu viele Reize, die mich reizen. Während viele dieser Reize anderen Hunden komplett am Arsch vorbeigehen, nehme ich sie mindestens mal sichtbar wahr. Und reagiere. Im besten Fall ein Ohrenzucken, im schlimmsten Fall, na ja, was auch immer : )
Das nennt man dann wohl reaktiv. Ich bin immer in Habachtstellung. Jedes Geräusch, jedes bewegte oder unbewegte Objekt - ich sehe alles! Ich merke alles! Und bin gewappnet für alle Eventualitäten...

Wenn man mit so einem wie mir zusammenlebt, kennt man es nicht anders, und denkt, der ist halt so. Das ist seine Natur, Portugiesische Wasserhunde sind "lebhaft", und man lernt damit umzugehen. Nach bestem Wissen und Gewissen.

Dennoch. Als ich klein war, haben wir sicherlich viel zu viel gemacht. Zu schnell zu lange spazieren gegangen, zu viel gejoggt, zu viel Programm, zu viele verschiedene Menschen, zu viel wach - einfach ein bisschen zu viel von allem.
Dies mag - neben meinen aufgeregten genetischen Voraussetzungen - die Grundsteinlegung dafür gewesen sein, dass ich lange Zeit einfach echt schlecht im Herunterkommen war. Alles poppen, was rumlag oder -stand (das wurde nach der Kastration besser), nicht zur Ruhe kommen, mindestens 30 Minuten abends Hin- und Herlaufen, bis ich mich Hinlegen konnte, schnelles Aufschrecken und - sich viel und ausgiebig Kratzen und Schlecken.

Paaaaartyyyyyy! : )
Dass all dies mit Stress zu tun haben könnte, war uns damals nicht bewusst. Im Gegenteil: Da ging es hauptsächlich um die Frage: Hab ich den jetzt ausgelastet oder braucht der mehr? Schließlich ist der, gemäß Handbuch, "lebhaft". Wenn ich einen Tag mal weniger gemacht habe, hatte Fraule gleich ein schlechtes Gewissen und dachte an Vernachlässigung und Unterforderung.

Wenn die Hundeschule damals riet, nicht zu viel zu machen, dann hielt sich Fraule ganz preußisch daran - plus, ganz rheinländisch, eben noch ein ganz kleines bisschen was oben drauf. Schließlich war ja der allgemeine Eindruck: Der braucht das, der kann das ab, der ist robust. Und wenn die Hundeschule von Entspannung sprach, nun ja, da dachte Fraule, klar, jeder andere, aber nicht mein Hund. Der ist doch entspannt!
Das war noch bevor ich anfing, Menschen in Hosenbeine zu zwicken : )

Ihr merkt was: Entscheidend an dem ganzen Galama ist etwas ganz anderes: Fraules Kopp! Die gehört nämlich zu den Leistungsorientierten, die selber immer irgendwie beschäftigt sein müssen, die selten nix tun und wenn ja, dann nur behaftet mit einem hochgradig schlechtem Gewissen und der Latte an Aufgaben im Kopf, die eigentlich noch erledigt werden müssten.
Und dieser Maßstab wird im gewissen Sinne auch auf alle Mitmenschen, aber auch auf scheinbar robuste Killerrüden übertragen. "Das ist mir jetzt zu viel!" oder "Ich kann nicht mehr!" wird nur dann akzeptiert, wenn dies durch anschließendes Inohnmachtfallen unter Beweis gestellt wird oder der Killerrüde sich vor lauter Burn-Out freiwillig einen kompletten Tag lang keinen Zentimeter mehr aus dem Körble wegbewegt.

Schande auf ihr Haupt!!!

Doch seitdem und mit zunehmendem Interesse am Thema und wachsendem Bildungsstand, haben sich in Fraules Hirn in den letzten Jahren so viele neue Gehirnzellen entwickelt, dass plötzlich viel mehr Raum zum Umdenken da ist.
Sie fing an, Zusammenhänge (am eigenen Hund) zu erkennen, besser zu interpretieren, zu beobachten und ihre Messlatte zu überdenken. Moderat zunächst, aber immerhin. Und so fingen wir vor eineinhalb Jahren an, Entspannungsübungen in mein Leben einzubauen und generell nicht mehr ganz so viel zu machen. Seit meinem Burn-Out Anfang des Jahres - ein sehr lehrreiches Ereignis! - entwickelten wir uns weiter:

Ich werde viel mehr zum Schlafen verdonnert, was ich, nach einiger Zeit es Erlernens, sehr gerne annahm. Mittlerweile bin ich ein Hund, der tatsächlich mindestens 18 Stunden des Tages verpennt. Ich gehe nicht mehr joggen oder nur noch ganz selten und niemals länger als eine knappe Stunde. Wir meiden viele Menschen und Städte sowieso. Wir achten auf Routinen und Rituale, und Kopftraining machen wir nur alle Nas' lang und nie länger als ein paar Minuten.
Über Monate war ich nicht mal mehr in einem Hundeschulkurs - das war aber mehr Zufall.

Und siehe da, schaut man über die vielen letzten Monate hinweg, habe ich mich durchaus verändert: Ich wurde zusehends relaxter. Ich fing ganz unauffällig an, mich nicht mehr über alles und jeden aufzuregen, konnte bestimmte Geräusche zumindest unkommentiert lassen, rannte nicht mehr so viel nervös herum bzw. konnte über Entspannungsübungen schneller heruntergeholt werden, und schlief schneller ein - es machte den Anschein, als sei mein Grunderregungslevel ein stückweit gesunken.

Aber weiß man das sicher? Natürlich nicht! Zunmal die Veränderung schleichend eintritt und man erst eine Weile braucht, gewisse Fortschritte zu erkennen. Und selbst dann gibt's immer noch genügend Spielraum für andere Interpretationen. So einfach, wie sich das Thema in der Theorie anhört, ist die Praxis nämlich nicht.

 
So. Und seit ein paar Monaten - auch eher Zufall - gehe ich nicht mehr in meine Hundeoase. Grumpf. Ihr erinnert euch, seit ich 6 Monate alt war, durfte ich dort zwei Nachmittage die Woche die Sau 'rauslassen.
Mit dem Effekt, der nun ganz deutlich erkennbar ist: Ich kratze mich nicht mehr! Und glaubt mir, ich habe mich VIEL gekratzt. Schon immer. Jeden Tag. Fraule hat alles ausprobiert, um herauzufinden, woran das liegen könnte. Ohne Erfolg. Bis sie dachte, na gut, der hat halt 'n Spleen. Und nun scheint das Thema mit einem Schlag erledigt.
Aber auch das hat sich erst über die letzten Monate langsam so entwickelt. 

Seitdem gehe ich abends mit meinen Menschen schlafen, ohne nochmal mit der Wimper zu zucken. Ich latsche nach oben, lege mich schnurstracks ab und schlafe ein. Kein Rumlaufen, kein Kratzen, kein Rauf- und Runterspringen vom Bett - nix!
Seitdem schlafe ich tagsüber noch mehr.
Seitdem bin ich draußen viel entspannter, ansprechbarer und sehr viel schneller umorientierbar.
Seitdem interessieren mich anderer Leute Hosenbeine nicht mehr.
Seitdem scharre ich nicht mehr auf dem Fußboden oder poppe Kissen.
Seitdem geht es mir besser, ohne zu wissen, dass es mir voher "schlechter" ging!

Leute, keine Panik! Ich gehöre immer noch nicht zu den Weicheiern, die sich im Park völlig gechillt im Gras hin- und herwälzen. Niemals!
Wenn ich mich freiwillig hinlege und maximal sogar den Kopf ablege, dann ist das das Höchste der Gefühle, was geht. Mehr ist nicht drin. Aber das ist bereits in etwa 400% mehr als das, was vorher je möglich war.

So. Und die Moral von der Geschicht: Bohr in der Nase nicht, hehe. Spaaaaß!
Nee, also:

Erkenntnis Nr. 1: Auch, wenn man es theoretisch weiß, hilft manchmal einfach nur Try & Error, um zu lernen.
Erkenntnis Nr. 2: Irgendwann kommt die Einsicht: Dass warnende Stimmen nicht übertrieben haben. Dass Sensibilität ein weit gefasstes Feld ist. Dass der eigene Ehrgeiz einem im Weg stehen kann.
Erkenntnis Nr. 3: Stress wirkt langfristig und baut sich daher auch nur langsam ab! Manchmal erkennt man erste Erfolge erst nach Monaten!
Erkenntnis Nr. 4: Schmeiß die scheiß Messlatte weg!

Oh, und eine Erkenntnis hätte ich fast vergessen: Ich werde niemals ein Therapiehund werden!

 : )

Dienstag, 17. September 2013

Spielen für Dummies : )

Los, spiel mit mir! : )
Mann ey, erst kommt monatelang nix, und jetzt bin ich schon wieder da... Aber was sein muss, muss sein!

Wir unheimlich glücklichen Hunde, die wir über positive Verstärkung erzogen werden, kennen natürlich alle auch das Spiel als Einsatz einer Belohnung.
Nun ja, ich gebe zu, MIR persönlich reicht in der Regel ja ein Leckerli, aber gut, so ein kleines Spielchen in Ehren kann Hund auch nicht verwehren...

Nun gibt es Menschen, die behaupten, dass ihr Hund leider niemals spiele. Der wär' einfach nicht so. Dem würden schon beim Anblick eines Balles die Gesichtszüge entgleisen oder imaginäre Karnickel in der entgegengesetzten Richtung plötzlich all seine Aufmerksamkeit abfordern...

Nehmen wir doch also das Spiel der Menschen mal etwas genauer unter die Lupe:

Der Mensch steht solide wie ein Baum auf der Wiese und zieht freudig den Ball, das Zergel oder Quietschie aus der Tasche und hält es seinem Hund unter die Nase, sagt, "such!" und schmeißt es zackig und elanvoll von sich.
Der Hund, schon deutlich bocklos, bewegt sich immerhin tatsächlich, wenn auch nur gemächlich, in Richtung Spieli. Kaum davor angekommen, hört er schon seinen Menschen - der übrigens immer noch wie angewachsen an der gleichen Stelle steht - hoffnungsfroh und aufmunternd "brings" schreien. "Na loooos, na briiiiings, briiiings!"

Na gut, denkt sich der Hund im besten Fall, dann bring ich's halt. Er nimmt das Spieli auf, schon ein bisschen absichtlich umständlich, es fällt ab und an wieder aus dem Maul, so als wäre es plötzlich viel zu groß für die kleine Hundeschnauze, dann schlappt er lustlos zurück zu seinem Menschen. "Suuuupi gemacht!", lobt der Mensch enthusiastisch, "gaaaaaanz toll gemacht!" - schließlich will er seinen Hund ja motivieren.
Dann grapscht er nach dem Spieli, das der Hund nun spontan beschlossen hat, doch ins Herz zu schließen und nicht herzugeben, und ruft "Aus". "Aaaauuuuuus, aaaaaaaaus, auhauuuuuus". Lässt der Hund nicht los, dann greift der Mensch dem Hund ins Maul und holt sich's da raus, gemäß dem Motto, "bist du nicht willig, so nehm ich Gewalt", schließlich wollen wir ja spielen und sind noch nicht fertig.
Das Spieli fliegt erneut in die Wiese: "Suuuuch!"
Oder es wird in der Tasche verstaut und das Spiel damit als beendet erklärt.

Poooah! Jetzt mal ehrlich: Hättet ihr Bock auf so'n scheiß Spiel? Also, ich nicht. Kein Wunder, dass viele Hunde nicht spielen wollen. Sie wissen ja, was sie erwartet.

Worüber viele Menschen sich nicht bewusst sind: Spielen ist, bitte schön, ganz und gar nicht gleich Apportieren! Apportieren ist Arbeit, und wie Menschen sehr gut wissen, ist Arbeit nicht unbedingterweise immer Spaß. Das gilt auch für Hunde, denn nicht jeder Hund apportiert gerne.
Also nur, weil der Mensch zu faul ist, sich in dem Spiel mitzubewegen und deshalb erwartet, dass der Hund das Spieli wieder brav zurückschleppt und am besten noch in der Hand ablegt, ist das noch lange kein Spiel!
Keine Frage, es gibt Hunde, die lieben es zu apportieren. Für die wär' dieser Art Schikane sicher ok. Aber es gibt eben auch viele Hunde, die finden Apportieren voll sinnentleert.

Deshalb sollte der Mensch, wenn er denn dann Spielen erfolgreich als Belohnung einsetzen möchte, möglicherweise einfach mal mitmachen? Ein wenig Dynamik, meine Herrschaften. Ihr dürft durchaus auch mal in Wallung geraten. Mit euren Hunden springen und rennen und hüpfen. Es gilt: Wer sich bewegt hat NICHT verloren.

Und benutzt dabei gleich mehrere Spielis! Dann müsst ihr sie euren Hunden nämlich nicht wegnehmen. Ganz schön clever, was? Ja, so bin ich...
Spiel heißt, der Hund soll Spaß haben. Sonst ist es nun mal keine Belohnung. Und so darf durchaus der Hund entscheiden, was für ihn Spiel ist: Vielleicht will er das Spieli tragen oder zergeln, vielleicht lieber schütteln und zerrupfen oder liegenlassen. Meistens nämlich dann, wenn plötzlich ein zweites spannendes Spieli fliegt.

Apropos spannend: Ja, auch da gibt es Unterschiede. Nicht jedes Spieli ist spannend. Ihr werdet schon wissen, auf welche eure Hunde so abfahren oder nicht. Meistens kommen die mit Quietschie ganz gut an. Oder Echtfelldummies. Oder Nichtechtfell. Oder im Tigerlook. Oder Zebra. Scheißegal. Also, ich persönlich fahr ja voll auf Dotties ab : )

Und bitte, Spielen heißt, sich Zeit zu nehmen! Ein Spiel dauert. Ein Spiel ist eine lange Belohnung. Das Spieli nach 3 Sekunden wieder in die Tasche zu stopfen und damit das Spiel für beendet zu erklären, ist für den Hund in etwa so prickelnd wie für den fußballorientierten Menschen nach 3 Minuten Bundesliga zu "hallo deutschland" umzuswitchen mit dem Kommentar, dass ein Tor mitzuerleben gefälligst Vergnügen genug bedeute.

Wenn ihr dann nach einer Weile das Spiel doch beenden wollt, dann lasst die Spielis trotzdem eine Weile liegen. Der Hund verliert irgendwann sein Interesse daran. Und dann ist immer noch Zeit genug, es einzusammeln. Oder lasst ihm eines zum Tragen, wenn er das gerne macht, und sammelt nur die anderen ein.

Und wenn ihr einen Hund haben solltet, der tatsächlich gerne spielt und dabei gleich auf 180 hochfährt, dann lasst doch das Spiel am Ende einfach etwas ruhiger auslaufen. Der Hund kann dann wieder herunterfahren und wird nicht zu arg gefrustet sein, wenn es vorbei ist, und seine dollen fünf Minuten bekommen.

Wenn ihr nun noch dem Ganzen die Krone aufsetzen wollt, dann macht euch noch ein Spielsignal und ein Spielendesignal zu eigen!
Bevor das Spiel losgeht, kündigt ihr es an: "Play!" Und wenn ihr beenden möchtet, dann kündigt ihr das auch an: "Ende!"
Das hat Vorteile! Der Hund weiß, was kommt. Er kann sich drauf einstellen. Er erschrickt nicht, wenn plötzlich was fliegt. Er weiß, ok, gibt jetzt halt kein Leckerli, gibt Spiel - kein Grund, sauer zu sein. Oder er denkt, "yeaaaahh", ein Spiel! Geili!
Und wenn fertig ist, dann ist eben fertig. Dann weiß er, nach dem Spielendesignal passiert nix mehr. Er muss also auch keine Erwartungshaltung mehr haben, die irgendwann in Frust umschlägt.

DAS nennt man Spielen! Eigentlich ganz einfach. Und ich könnte schwören, selbst die unlustigsten Hunde würden mitmachen. Zumindest eine Weile. Vielleicht bestimmt ja auch der Hund, wann er die Schnauze voll hat, und nicht der Mensch.
Und ja, es gibt auch Hunde, die wollen wirklich nicht spielen. Vielleicht, weil sie körperliche Einschränkungen haben, sich unwohl fühlen, Schmerzen haben, alt sind, oder tatsächlich Spielen einfach blöd finden. Gibt ja auch Menschen, die nicht gerne spielen. Aber das ist ja dann auch ok.
Jeder Jeck is' schließlich anders. Grumpf! : )

Sonntag, 15. September 2013

Schlecht erzogen >: )

Schlecht erzogen : )
Hundebegegnungen an der Leine sind bei mir nicht immer relaxt - ich geb's zu. Fraule geht deshalb mit mir gewöhnlich einen Bogen oder lässt mich seitlich des Weges im Sitz warten oder etwas suchen, bis der andere vorbei ist. Das klappt meistens sehr gut, manchmal nicht. Vor allem, wenn's der Erzfeind ist. Da kann der Abstand gar nicht groß genug sein.

Unser Besuch mit zwanzig Jahren Hundeerfahrung sagt, das sei falsch. Es könne doch nicht angehen, so viel Geschisse um einen Hund zu machen, und sogar beim Spaziergang anzuhalten, nur um in Ruhe an einem Hund vorbei zu kommen.

"Wieso nicht?", fragt Fraule und versucht zu erklären, dass man dem Hund in kleinen Schritten beibringen könne, solche für ihn zu aufregenden Situationen souverän zu meistern. Für ein entspanntes Aneinandervorbei sei ein Abstand, der so groß ist, dass der Hund ruhig bleiben kann, die erfolgversprechendste Maßnahme. Und je öfter er dabei tatsächlich erfolgreich sei und daran gehindert würde, in alte Muster zurückzufallen, desto eher könne man den Abstand schließlich auch verkleinern. Oder eben auch nicht. Jeder Hund sei unterschiedlich und hätte seine höchsteigene Individualdistanz, abhängig von der Tagesform, und für den einen sei Nähe eben kein Problem, für den anderen zeitlebens schon.

"Schlecht erzogen", sagt der Besuch mit zwanzig Jahren Hundeerfahrung entschieden. "Wie lange soll denn dieses sogenannte Training dauern? Kurz bevor er stirbt, hat er's dann drauf, oder wie?"

"Vielleicht", sagt Fraule. "Vielleicht auch nicht. Und das macht auch nichts. Wenn sich mein Hund wohler fühlt, wenn ich ein wenig Abstand einhalte, warum sollte ich ihm den nicht zugestehen? Welchen Zacken breche ich mir aus der Krone, wenn ich zur Seite gehe und kurz warte, dafür aber keinen Aufstand habe und mein Hund locker bleibt?"

"Aber es muss doch auch andere Möglichkeiten geben. Er muss lernen, zu gehorchen. Ein Hund hat zu funktionieren. So sehe ich das", sagt der Besuch mit zwanzig Jahren Hundeerfahrung.

"Du meinst 'mit harter Hand', richtig?" fragt Fraule interessiert. "Mal zeigen, wer der Chef ist. Kurz anschreien, ordentlich an der Leine rucken oder einen mit der Leine überziehen - dann wird das schon, stimmt's?"

"So hat das immer geklappt. Wieso heute nicht mehr?", behauptet der Besuch mit zwanzig Jahren Hundeerfahrung.

"Bist du ganz sicher? Hat das wirklich immer so geklappt?", fragt Fraule. "Guck sie dir doch an, die Hunde, die so erzogen werden, falls du dich dazu herablassen kannst, dir die Mühe zu machen, hundliche Körpersprache zu bemerken und gar zu verstehen: Geduckte Haltung, angelegte Ohren, ängstliche Blicke, tiefhängende Ruten, misstrauisch dem eigenen Menschen und anderen Hunden gegenüber - tickende Zeitbomben.
Das sind die, die dann eines Tages in die Zeitung kommen, weil sie 'plötzlich wie aus dem Nichts' zugebissen haben. Die dann am Ende im Tierheim landen oder eingeschläfert werden, weil der eigene Mensch behauptet, dass der Hund leider bösartig sei und keine Züchtigung mehr wirken würde. Die Tierheime sind voll mit diesen Hunden.
Und die anderen, die 'lieben, die brav funktionieren', also die, die sich nie trauen, sich zu wehren, das sind die, die ein Leben lang gehemmt neben dir herlaufen. Welch glückliches Leben! Erinner dich an deinen letzten Hund. Der ist immer gegangen, wenn du gekommen bist. Ist es das, was du unter funktionieren verstehst?
Ich für meinen Teil will keinen Hund, der vor mir den Duckmäuser macht und Meideverhalten zeigt. Das finde ich grauenvoll. Deshalb gehe ich diesen Weg. Er ist meinetwegen langwieriger und mühevoller, als wenn man maßregelt, aber langfristig erfolgreicher, denn der Hund bekommt die Chance, alternative Verhaltensweisen zu lernen. Und dieser Weg macht mir Spaß. Ich freue mich über jeden kleinen Erfolg und sehe, dass mein Hund gerne mit mir trainiert und keine Angst hat vor mir. Er kann heute viele Situationen besser meistern als vorher und er lernt täglich dazu.  
Wenn ich nicht gewillt bin, dieses "Opfer" zu bringen, dann sollte ich keinen Hund haben."

"Einfach schlecht erzogen", murmelt der Besuch mit zwanzig Jahren Hundeerfahrung.

Danach wurde übers Wetter geredet... : )