Freitag, 24. Oktober 2014

"Unmöglich und aggressiv": Hund apportiert Meerschweinchen - eine wahre Geschichte : )

(c) Augsburger Allgemeine
Mit dem richtigen Outfit wäre das nicht passiert! : )
Eine dumme wahre Geschichte. Wirklich. Ganz dumm.
In einer Tierarztpraxis schnappt sich ein Kumpel, nennen wir ihn mal E., im Angesicht einer bummsvollen Tierarztpraxis ganz vorsichtig ein Meerschweinchen, das seine Leute in einem offenen Schuhkarton in einer ebenso offenen Plastiktüte auf den Boden der Praxis gestellt hatten, während das Fraule von E. damit beschäftigt war, E.'s Behandlung zu bezahlen und konzentriert im Kleingeld zu kramen.

Als E.'s Fraule ihren Hund schließlich mit dem Meerschweinchen im Maul entdeckt, rutscht ihr natürlich augenblicklich das Herz in die Hose. Geistesgegenwärtig ruft sie ihm "Pfui" zu, und sogleich lässt der gut erzogene, gutmütige Kerl das Meerschweinchen fallen, wofür er dann auch ordentlich gelobt wird. Glücklicherweise ist E. kein Terrier, sondern ein Hund, dessen Beutefangverhalten sich aufs Orten und Hetzen beschränkt, sonst wäre die Geschichte vermutlich etwas anders ausgegangen. Nun, geortet hat er, Hetzen war hier ja nicht nötig, also hat er gleich mal den nächsten Schritt ausprobiert und zaghaft zugepackt - wann bekommt man schon diese Chance im echten Hundeleben?

Das Meerschweinchen sah von außen völlig unbeschadet aus, genauere Untersuchungen ergaben aber schließlich drei gebrochene Rippen. Nun muss man dazu sagen, dass mein Kumpel immerhin 32 Kilo auf die Waage bringt und ein weiches Maul auch erstmal erlernt werden muss...

E.'s Fraule war jedenfalls ganz fertig. Sie hatte ein mordsschlechtes Gewissen und natürlich großes Mitleid mit dem armen Tierchen.
Der Anruf der Tierärztin am Abend - denn E.'s Fraule wollte natürlich unbedingt wissen, wie es dem Schweinchen erging - war wenig erfreulich: Zwar wird es wieder ganz gesund werden, aber die Tierärztin war wohl so angesäuert ob dieser Ungeheuerlichkeit, dass sie das Gespräch nicht beenden wollte, ohne E.'s Fraule ordentlich zusammenzufalten:
E.'s Verhalten sei völlig "umöglich" gewesen, behauptete sie empört, und sie (also E.'s Fraule) hätte ihren Hund nicht im Griff, und er könne ja nicht mal bei Fuß gehen. Sie könne froh sein, diesen Hund zu haben, denn er wäre der einzige auf der ganzen weiten Welt, mit dem sie überhaupt klar kommen könne, mit jedem anderen wäre sie mit absoluter Sicherheit komplett überfordert. Und der absolute Gipfel sei gewesen, dass sie ihn auch noch gelobt hätte statt ihn für sein Verhalten zu maßregeln - so nur einige der Vorwürfe, die E.'s Fraule zu hören bekam. Abschließend empfahl ihr die Tierärztin im gleichen Atemzug und ins vertrauliche Du übergehend dringend ihre eigene Hundeschule zu besuchen mit dem wichtigen Hinweis, dass sie die einzige Trainerin im Umkreis sei, der es gelingen würde, aggressive Hunde zu "resozialisieren". Ein Wort übrigens, das seit Cesar Millan eine ganz neue Dimension an Bedeutung erlangt hat.

Mein Kumpel, muss man wissen, ist ein sehr sehr gutmütiger Kerl. Er war mal ein spanischer Straßenhund, der dann in einem Tierheim in Süddeutschland saß und vor fünf Jahren mit seinen Menschen hier endlich das große Los gezogen hat.
Die erziehen ihn nämlich völlig gewaltfrei mit der Liebe, Geduld und dem Sachverstand, der ihn zu dem sozialisierten und in die Gesellschaft integrierten Kumpel gemacht hat, der er heute ist. Er ist ein total gechillter Hund, den ich nur völlig unaufgeregt durch die Gegend schlappen sehe. Er kommt mit den allermeisten Hunden klar (ich meine, einen Erzfeind haben wir ja alle, oder?) oder geht gewöhnlich denen aus dem Weg, die er nicht leiden mag. Er ist freundlich zu Menschen, er liebt und vertraut seinen Leuten, ist vollkommen verhaltensunauffällig, ja, fast scheint er mir manchmal irgendwie einfach nur dankbar dafür zu sein, dass er es so gut angetroffen hat. Mein Kumpel ist körperlich topfit, geistig ausgelastet und ist tatsächlich einer der ganz wenigen Hunde, die ich kenne, bei denen eine Hundeschule rausgeschmissenes Geld wäre.

Was ich nicht genau weiß, ist, wie man auf die Idee kommen kann, dass E. sich "unmöglich" benommen hätte. Wie kann sich ein Hund überhaupt "unmöglich" benehmen? "Unmögliches" Benehmen ist eine Attitüde des Menschen.
E. hat sich wie ein Hund benommen. Was möglicherweise daran liegen könnte, dass er ein Hund ist. Wir wollen mal nicht vergessen, dass wir Hunde im Laufe der Domestikation von den Menschen (!) in der Regel alle für irgendeine Form des Jagens gezüchtet wurden. Woher sollen wir nun wissen, dass das Zeigen von Jagdverhalten in einer Arztpraxis nicht gesellschaftsfähig ist?
Wäre bekannt gewesen, dass E. gerne in Arztpraxen Meerschweinchen apportiert, ich bin sicher, sein Fraule hätte ihn gut trainiert, das besser nicht zu tun. Allerdings hat mein Kumpel an diesem Tag zum allerersten Mal in seinem Leben überhaupt ein Meerschweinchen gesehen - und war entzückt! Ein zappelnder Dummy!

Vielleicht hätte sich E.'s Fraule nicht so aufs Geldzählen konzentrieren sollen, sondern auch auf ihren Hund, der bisher an der Stelle noch nie etwas anderes getan hat, als neben ihr zu stehen und geduldig zu warten. Vielleicht hätte das Päärle, dem das Meerschweinchen gehörte, den Schuhkarton besser mit einem Deckel verschlossen und die Tüte nicht auch noch offen auf den Boden einer Tierarztpraxis gestellt - in der ja womöglich nicht ganz ausgeschlossen ist, dass die ein oder andere meerschweincheninteressierte Spezies herumschnüffeln könnte. Vielleicht hätte E.'s Fraule ein Antijagdtraining besuchen sollen, in weiser Voraussicht, dass ihr Hund irgendwann im Leben gewiss mal ein Meerschweinchen in einer Arztpraxis apportieren wird. Vielleicht, vielleicht, vielleicht...

Dumme Dinge geschehen. Shit happens. Und das Meerschweinchen ist echt 'ne arme Sau, keine Frage.
Aber wenn eines sicher ist, dann das: Mein Kumpel ist nicht "unmöglich" oder gar aggressiv. Er hat getan, was ein Hund tun muss, wenn er es nicht besser weiß.
Eine Tierärztin und schon gar Hundetrainerin sollte so etwas wissen. Sie sollte auch wissen, dass Jagdverhalten nicht über Maßregelung in den Griff zu bekommen ist, sondern ein genetisch verankertes Verhalten ist, das nur über ein geduldig aufgebautes Antijagdtraining in kontrollierte Bahnen gelenkt werden kann. Sie sollte auch wissen, dass wenn sie schon maßregelt, dann auch das zu maßregelnde Verhalten gemaßregelt werden muss und nicht das Verhalten danach. Wäre mein Kumpel fürs Ausgeben bestraft worden, würde er zukünftig hoffentlich keine Meerschweinchen mehr ausgeben, sondern gleich runterschlucken.

Und zu guter letzt sollte ein Mensch, der sein Geld mit Kunden verdient auch wissen, wie man mit Kunden umgeht. Sonst wird er nämlich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, gemaßregelt zu werden: Wenn die Kunden dann nämlich ausbleiben. So wie E.s Fraule ab sofort. Ja, manchmal haben Maßregelungen tatsächlich sogar lerneffektive Folgen und wirken strafend: Das Verhalten wird nicht mehr oder weniger gezeigt. Da sind sie wieder, die unumstößlichen Gesetze der Lerntheorie... : )

Dienstag, 7. Oktober 2014

Die Definition von Wahnsinn... : )

Genie und Wahnsinn liegen manchmal
weiter auseinander als man glaubt : ) 
"Ich hab's positiv probiert, aber es funktioniert nicht."
Ein Satz, den man immer mal wieder hört.
Menschen fummeln mit Leckerlis vor der Nase ihres Hundes rum, und trotzdem kläfft der und benimmt sich wie Godzilla. "Ist doch 'n Scheiß, dieser Wattebauschmist. Taugt nix. Ich zieh' dem lieber eine mit der Leine über. Hilft zwar auch nix, aber Strafe muss sein."

"Jahrelang machen die Wattebauschwerfer rum am Problemverhalten ihrer Hunde und kommen keinen Millimeter weiter", so hört und liest man auch des öfteren.
Dass das natürlich auch für die Leinenrucker und Rangordnungsfreunde gilt, wird schnell mal vergessen. Ein Leben lang wird geruckt und als erster durch die Tür dominiert, ohne sich je zu fragen, warum man etwas so konsequent tut, ohne dass es einen Fortschritt bringen würde.

Wie sagte einst Einstein? "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten". Hehe, wahr! Und so typisch Mensch. Der schafft es glatt noch, die Gesetze der Lerntheorie außer Kraft zu setzen. Na ja, vielleicht gelten diese Gesetze ja nur für die intelligenteren der Spezies. Aber müssten die Dummen dann nicht längst ausgestorben sein? Irgendwas stimmt doch hier nicht...

Egal. Es wird also schnell mal die Flinte ins Korn geschmissen und behauptet, "alles Scheiße, das mit den Leckerlis".
Dabei kann es natürlich unendlich viele Gründe geben, warum etwas nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Falsche Zielsetzung, falsch gewählte Trainingswerkzeuge, falsche Anwendung, falsche Belohnung, falscher Trainer, gar kein Trainer (falscher Geiz), falscher Ehrgeiz und und und...
Häufig müsste man vielleicht nur an ein paar kleinen Schrauben drehen, und schon würde es besser klappen.
Es scheint aber viel leichter zu sein, an der Gewaltschraube zu drehen und den Stachler auszupacken (der richtig angewandt keine Tierquälerei ist, las ich neulich), statt sich zu überlegen, welche Bedingungen man ändern müsste, um das erwünschte Verhalten auf Basis von Überzeugung und Freiwilligkeit zu erhalten.

Und nur mal angenommen: Selbst, wenn man alles richtig machte, tatsächlich alle Möglichkeiten ausschöpfte und trotzdem nicht weiterkäme, rechtfertigte das auf aversive Methoden zurückzugreifen, gemäß dem Motto: "Ich habe alles probiert, jetzt habe ich keine andere Wahl mehr, als zu maßregeln?" (Wie erfolgversprechend diese Art des "Trainings" dann ist, wollen wir jetzt mal außen vor lassen.)

Nur mal so gefragt: Wenn ein Mensch eine Schraube locker hat und zum Psychoanalytiker geht, um sich behandeln zu lassen, der dann nach Monaten oder Jahren einen Entwicklungsstillstand konstatiert, was passiert dann? Wird der Psycho dann mal so lange verhauen, bis die Schraube wieder festsitzt?
Ich denke nicht. Vielleicht wird der Analytiker gewechselt, gesundheitliche Probleme ausgeschlossen, Medikamente verabreicht, ein Umgebungswechsel empfohlen oder die Macke einfach akzeptiert.
Und im Falle einer Gefährdung der Allgemeinheit wird der Psycho in die Geschlossene eingewiesen und weitertherapiert - ein Leben lang! Mitnichten wird er dort aber in Eisbäder gesetzt, in Zwangsjacken gestopft, isoliert oder Elektroschocktherapien ausgesetzt. Das war früher. Experten haben zwischenzeitlich herausgefunden, dass Eisbäder keine psychischen Erkrankungen zu lindern oder heilen vermögen, haben dem Wahnsinn getrotzt und entsprechende Veränderungen in Form neuer Behandlungsmethoden herbeigeführt - die, siehe da, in vielen Fällen auch neue Ergebnisse brachten!

Bei einem Hund wird sich diese Mühe natürlich nicht gemacht. Man erwartet, dass ein verhaltensgestörter Hund schnell erfolgreich therapiert, auf neudeutsch auch "resozialisiert", werden kann - auf die eine oder andere Art: "Und bist du nicht willig, so nehm ich Gewalt...".
Der Hund hat kein Recht auf seine Psychose. Und nach seiner Kindheit und familiären Umständen fragt auch keiner. Der muss funktionieren, sonst kommt er weg. Ohne lebenslange Therapie!

Ja, vielleicht bleiben tatsächlich alle Versuche vergebene Liebesmüh, und der Psycho bleibt ein Psycho. Dann wäre in der Tat eine individuelle Grenze erreicht. Und zwar eine persönliche Grenze des Halters, Trainers oder Therapeuten. Eine Begrenztheit des Wissens (denn noch hat die Wissenschaft nicht alle Geheimnisse des Säugetierorganismus aufgedeckt) oder der Fähigkeiten sollte aber fairerweise keine Gewaltanwendung am Hund rechtfertigen! : )