Montag, 10. August 2015

Alpharolle und Nackenschütteln - gängige Korrekturen in der Welt der Lernresistenten >: []

„Und da hat der mich im Spiel attackiert (der Welpe, Anm. d. Killerrüdenred.), und dann hab ich den genommen und ordentlich durchgerüttelt und auf den Rücken gedreht. Danach war gut“.

Leute, ich finde gerade keine Ecke mehr, in die ich kotzen könnte, wenn ich sowas höre. Und abgesehen ja mal davon, dass ich eigentlich knallhart bin, bricht es mir mein Killerrüdenherz, wenn ich an den kleinen Kumpel denke, der jetzt wahrscheinlich seine noch ziemlich neue Welt nicht mehr versteht. Hat der gerade angefangen, Vertrauen zu seinem Menschen aufzubauen, hat der begonnen, sich zu Hause und sicher und geborgen zu fühlen, spielt der mit seinem Vollpfosten von Mensch, und weil er ihn dabei "attackiert" (ha!), wird seine Welt mal eben einfach so komplett zusammengeschüttelt – natürlich um einer beginnenden Weltherrschaftsbestrebung des Zwerges zuvorzukommen.

Ich frage mich ehrlich, WANN hört dieser unsägliche, vor Doofheit triefende Irrsinn endlich auf? Wann fangen die Menschen an, endlich mal ihr Erdnussbutterhirn einzuschalten und verabschieden sich von diesem mittelalterlichen, total überholten und grottenfalschen Rudel-Chef-Schwachsinn?
Ich krieg‘ echt Schnappatmung, wenn ich solche Geschichten höre. Und diese kommt auch noch von einer Person aus MEINEM Umkreis mit der sprichwörtlichen 30jährigen Hundeerfahrung. 30 Jahre! Versteht ihr? D R E I S S I G!
Wenn man 30 Jahre, sprich, 3 Jahrzehnte!, oder auch 10.950 Tage so arbeitet – muss man dann nicht irgendwann bemerkt haben, wieviel Schaden man mit diesen Rambo-Methoden angerichtet hat? Oder ist man dann vielleicht nie auf die Idee gekommen, dass die Bissigkeit, Ängstlichkeit, krankhafte Unterwürfigkeit oder andere Verhaltensauffälligkeiten der Hunde ggf. etwas mit den angewandten „Korrekturen“ zu tun haben könnte??? Oder will mir der 30-Jahre-Hundeerfahrungs-Sitzenbleiber jetzt verklickern, dass all diese Hunde nach all diesen hirnbefreiten Gewaltattacken glücklich und fromm wie Lämmer durch den Rest ihres Lebens gemäht sind und nie mehr „korrigiert“ werden mussten? Na klaro. So war das!

Wie dermaßen lernresistent kann man in 30 Jahren eigentlich sein???
Ich sag euch. Bisher dachte ich ja, dass der gute alte Skinner mit seiner Lerntheorie tatsächlich Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt hätte. So wie man nicht leugnen kann, dass Dinge von oben nach unten fallen - wegen der Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft und so, die ja auch keine Erfindung des Menschen ist – so gibt es eben Gesetze, wie Lebewesen lernen. Und Lernen bedeutet im ursprünglichsten Sinne, dass man etwas anderes ausprobiert, wenn man feststellt, dass eine Strategie nicht klappt. Denn nur so kann man überleben bzw. sich an eine sich ständig verändernde Umwelt anpassen.

Aber nööööööö! Olle Skinner hat sich total geirrt! Die Lerngesetze gibt es zwar schon bei den meisten Arten, nur der Mensch, der funzt anders.
Der ruckt nämlich 30 Jahre lang an der Leine wie ein Vollhorst, ohne zu bemerken, dass der Ruck gerade mal die nächsten 5 Meter anhält. Der schüttelt 30 Jahre lang seine Welpen und merkt nicht, dass der sich zukünftig demütig an seinen Menschen ranschleicht und einnässt vor lauter Panik vor seinem unberechenbaren "Rudelchef" (ich krieg schon Herpes, wenn ich das Wort nur tippen muss). Oder anfängt, Zicken zu entwickeln, weil er nämlich zu denen gehört, die sich nicht gern ungestraft in Todesangst versetzen lassen. Der dreht 30 Jahre lang auf den Rücken und nennt das eloquent „Alpharolle“, ohne zu merken, dass er seinen Hund damit genauso wenig unterwürfig macht, als wenn er ihm die Rute nach oben halten würde, um ihn fröhlich zu stimmen.

Da wird 30 Jahre lang rumkommandiert, gebrüllt, gekickt und runtergedrückt – und keiner fragt sich auch nur mal eine Sekunde von diesen insgesamt 15.768.000 Sekunden, ob das, was er da fabriziert, tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt: Nämlich ein Verhalten dauerhaft abzustellen (ohne 10 neue unerwünschte hervorzubringen).

Ich finde das wirklich bemerkenswert. Meine Idee, warum die Lerngesetze beim Menschen nicht zu wirken scheinen, ist ja, dass selbst die größten Dumpfbacken irgendwie vom sozialen Netz aufgefangen werden. Tiere hingegen, die sich als lernresistent erweisen, sterben. So einfach ist das. Was wieder mal beweist, wie ungerecht die Evolution ist. Aber gut. Das Leben ist kein Ponyhof.

So. Und wer jetzt mit „Die Hündin schüttelt auch ihre Welpen“ oder „Hunde schmeißen andere Hunde zum Unterwerfen auch auf den Rücken“ kommt, dem schenk ich 'ne Brille. Zeig mir EINE (geistig gesunde) Hündin, die ihre Welpen schüttelt. Zeig mir EINEN Hund, der einen anderen auf den Rücken dreht, um ihn zu unterwerfen.
Wer schüttelt, will töten. Eine Mutter wird ihre Kinder aber wohl nicht töten wollen. Und wer geschüttelt wird, hat Todesangst. Will man seinen Schutzbefohlenen in Todesangst versetzen?
Und ein Hund legt sich selber auf den Rücken und wird nicht geworfen. Und das tut er aus freiwilligen Stücken, um zu signalisieren, dass er friedlich ist. Wird ein Mensch, der seinen Hund auf den Rücken legt, wohl das damit erreichen? Und wenn nicht, was erreicht er wohl statt dessen? Naaaa?
Und wenn diese 30-Jahre-Hundeerfahrungsexperten mit biologischer Firewall jetzt noch sagen „Ja, neee, diese modernen Hundeschulen heute, das ist ja ganz nett mit dem Belohnen und so… Aber meins ist das nicht…“
Dem antworte ich: "Hier geht's nicht um Irokesenschnitt gegen Kurzhaarfrisur oder Sushi mit Fugu gegen Zwiebelrostbraten. Hier geht's um real existierende Gesetze. Um tierschutzrelevantes Verhalten, das angezeigt werden muss, wenn man es sieht."
ICH kann zwar nicht anzeigen, wer hört schon auf einen Hund, aber ich kann auch schütteln. Und was das bedeutet, konntet ihr gerade lernen! >: []