Donnerstag, 16. Juli 2015

Anleitung zum Strafe schönreden oder die Baumannsche Definition von Verhaltensunterbindung : )

Wisst ihr, wenn man heute eine Putzfrau "Raumpflegerin" nennt, dann ist das nett. Die muss dann zwar trotzdem noch die Scheiße von anderen ausm Klo und die Zahnpasta vom Spiegel wischen, aber sie macht das bestimmt mit viel mehr Freude, wenn sie dabei "Raumpflegerin" genannt wird.
Es ist auch nett, dass eine Sekretärin heute "Office Managerin" tituliert wird oder der Hausmeister "Facility Manager". Haargenau die gleichen Aufgaben wie zuvor gehen einfach gleich viel leichter von der Hand, wenn man einen wohlklingenderen Jobtitel dazu hat.
"Nullwachstum" hört sich gewiss besser an als Stagnation und "friedlich entschlafen" ist irgendwie weniger erschreckend als wenn einer "gestorben" ist. Unangenehmes wird durch die richtigen Worte plötzlich sehr viel angenehmer.

Und auch wir Hunde profitieren davon!
Wenn uns jemand mit der Wasserflasche traktiert und das statt Strafe dann "Verhaltensunterbindung" nennt, oder wenn zum Leinenruck plötzlich "Leinenimpuls" und zum Würgen und Kicken "Resozialisierung" gesagt werden darf, dann ist das für uns Hunde nämlich auf alle Fälle ein riesen Unterschied und deutlich angenehmer auszuhalten. Und weil das so viel angenehmer ist, hören wir aus lauter Kooperationsbereitschaft auf, das unerwünschte Verhalten zu zeigen, und nicht so wie früher vor lauter Schreck oder Angst (ach nein, Furcht, bleiben wir doch wissenschaftlich korrekt). Wir versuchen auch nicht zu meiden, wegzulaufen oder uns zu verstecken oder verknüpfen die Situation negativ mit der Folge unangenehmer Verhaltensnebenwirkungen, weil wir den Reiz als Strafe empfinden, nein!, wir bleiben locker, weil wir wissen, dass es sich lediglich um eine "Aggressionsblockade" handelt und die Verhaltensunterbrechung gut für uns ist. Wir entscheiden nämlich ab sofort nicht mehr selber, ob wir etwas als Strafe empfinden, weil es sie ja gar nicht gibt. Oder nur im verhaltensbiologischen Rahmen. Aber natürlich nicht im wahren Leben.

Gewachsen ist diese elegante Aushebelung unerwünschter wissenschaftlicher Lerntheorien jüngst auf dem Mist unseres Meisters der Euphemismen Thomas Baumann. Über seine Facebook-Seite Dogworld-Stiftung verweist er einmal mehr Skinners Lerntheorie knallhart auf die stille Treppe, wo sie in der Realtität gefälligst die Schnauze zu halten hat, denn maximal hat sie ihre Existenzberechtigung in den Laboren der Wissenschaft.

Positive Strafe - also das Hinzufügen unangenehmer Reize als Konsequenz für ein Verhalten - lässt, laut Lerntheorie, das gezeigte Verhalten weniger häufig auftreten. Mindestens seit der Zertifizierung deutscher Hundetrainer gemäß Paragraph 11 TschG weiß heute aber ein jeder Trainer, dass der Preis, den man zahlen muss, wenn man mit Strafe arbeitet, recht hoch sein kann. Deshalb werden Trainer in den Fragebögen und Prüfungen dazu angehalten, Strafe im Sinne von körperlicher und seelischer Gewalt nicht als Trainingsmaßnahme einzusetzen.

Und da kommt die schlaue Baumannsche Definition der "Verhaltenskorrektur" ins Spiel. Denn die hat nur den Anspruch, Verhalten für den Moment zu unterbinden und ist daher zweifelsfrei nicht als Strafe zu verstehen. Also alles im grünen Bereich bei den Baumännern.

Und ich kann nur sagen: ZUM GLÜCK können wir Skinners Gesetzmäßigkeit von Baumanns Absichten unterscheiden! Und so unterbrechen wir unser Verhalten eben einfach so. Und nicht etwa, weil wir die Wasserflasche als Strafe empfinden - natürlich nicht, wir sind ja nicht doof!

Der Thomas bringt das einleuchtend auf den Punkt:
"Jemand der schreibt, Strafreize seien nie sinnvoll, mag seine Gründe dafür haben, aber er weiß nicht so viel über Hunde! Zumal der Begriff Strafreiz ohnehin falsch ist, denn ich strafe nicht, sondern ich unterbinde unerwünschtes und gefahrbringendes Verhalten. Das hat nichts mit Strafe zu tun..."
Und erklärt unmissverständlich:

"Der Begriff STRAFE ist einzig und allein Sache der VERHALTENSBIOLOGEN ansonsten ist der Begriff STRAFE dumm und überholt!!! Ich bestrafe keinen Hund und wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte!"

Jaaahaaa! Wieso sind wir bloß nicht viel eher da drauf gekommen, wo das alles so schön einfach macht?

Wenn ein Lehrer einen Schüler demnächst 100 Mal "Ich soll den Unterricht nicht stören" auf die Tafel schreiben lässt, dann ist das Gott sei Dank ab sofort keine Strafarbeit mehr, sondern einfach nur eine Verhaltenskorrekturarbeit.
Wenn ein Gewaltverbrecher demnächst im Knast einsitzen muss, dann nicht etwa um ihn durch Freiheitsentzug zu bestrafen, sondern natürlich nur um sein "gefahrbringendes Verhalten zu unterbinden". Allensfalls ist es Sache der GERICHTSBARKEIT das Ganze Strafe zu nennen.

Wenn also ab sofort bei physischer und psychischer Straf- äh, Verzeihung Korrekturanwendung (zu der Schreckreize, wie der Gebrauch von Wasserflaschen, laut Skinners lerntheoretischer Definition von positiver Strafe ja gehören) alle nur noch von Verhaltensunterbindung sprechen - ja, mensch! dann gibt es physische und psychische Strafe eigentlich gar nicht mehr! Das ist ja super! Ein Geniestreich! Her mit den Wasserflaschen!

Es ist schon toll, wie leicht es doch manchmal sein kann. Ich muss sagen, ihr Menschen habt's da wirklich besser als wir Hunde. Wenn wir bellen, dann wird das nachweislich weiterhin als Bellen und Aggression interpretiert werden. Und wenn wir beißen, dann wird keiner auf die Idee kommen zu sagen, das war kein Beißen, denn der Begriff Beißen ist total dumm und überholt, das war eine Verhaltenskorrektur. Nee. Wenn wir beißen, dann aus "offensiver Aggression". Oder neuerdings auch aus "Lust".
Bei euch Menschen hingegen heißen Putzfrauen "Raumpflegerinnen", Sekretärinnen "Office Managerinnen", Stagnation "Nullwachstum" und Strafe nennt sich ab sofort "Verhaltensunterbindung". Und schon ist die Welt für die Freunde des Euphemismus' wieder hübsch rosarot. So schläft es sich einfach besser.
What a difference a word makes! : )


Noch mehr Euphemismen und andere Strafmaßnahmen, die keine sind, findet ihr bei olle Baumann direkt im Thread.