Montag, 29. September 2014

Die Pubertät - Und nun? : )

Achtung! Gehirn under construction! : )
Olle Kurt ist nun 6 Monate alt und pubertiert so leise vor sich hin. Der hat plötzlich ganz dicke Eier gekriegt und klappert mit den Zähnen, wenn er an meinem Hintern rumschnüffelt, grumpf. Der unternimmt plötzlich Abenteuertouren auf eigene Faust, und wenn er sich setzen soll, bleibt er stehen und guckt dumm aus der Wäsche, so als wäre "Sitz" Suaheli und nicht das Wort, das er seit seiner Geburt mindestens schon 30.000 Mal gehört und geschätzte 10.000 Mal auch befolgt hat.

Was ist los mit dem? Ist olle Kurt gar nicht mehr olle Kurt, sondern plötzlich ein ganz anderer? Muss ich jetzt Angst kriegen?
Wenn man vielen Büchern und der Meinung vieler Leute glauben soll, dann ja. Dann ist ein pubertierender Hund ungefähr gleichzusetzen mit Lippenherpes oder Hämorrhoiden - hartnäckig und trotz Salben und Tinkturen nur schwer beizukommen.

So hört und liest man, dass in der Welpenzeit ja irgendwie alles pippifax ist und quasi von selber funktioniert: Der Welpe braucht keinen Rückruf, weil er sowieso immer am Bein seines Menschen klebt und ihm hinterher dackelt. Er lernt alle Signale spielend und schnell und ohne zu Murren. In der Pubertät aber, da wird alles anders: Wir kennen plötzlich unseren Namen nicht mehr und verschließen unsere Ohren vor den einfachsten Signalen, die wir vorher begeistert und zuverlässig ausgeführt haben. Wir sind scheinbar an Taubheit erkrankt - zumindest phasenweise. In der Pubertät stellen wir uns gerne stur, sind dickköpfig und testen Grenzen bei unseren Menschen aus. Wir stellen in Frage, wer der Herr im Hause ist! So. Und spätestens jetzt wäre der geeignete Moment, in dem wir eine strengere Hand bräuchten, damit wir gar nicht erst auf dumme Gedanken kämen.

Na ja. Dass olle Kurti manchmal taub zu sein scheint, stimmt. Und dass er draußen manchmal lieber auf Schnüffelkurs geht, statt an der lockeren Leine, das stimmt auch. Dass er aber die Weltherrschaft anstrebt - nein, das ist nicht so. Der weiß, wer hier der Weltherrscher ist! : )

Kurti, müsst ihr wissen, befindet sich gerade in einer Phase der Selbstfindung. Denn Pubertät bedeutet in gewissem Sinne Ablösung und Übernahme von Eigenverantwortlichkeit. Damit geht einher, dass er mutiger wird, aber auch ängstlicher, denn er muss nun selber einschätzen, wer Freund oder Feind ist.
Genaugenommen heißt Pubertät eigentlich nur, dass wir in dieser Zeit die Geschlechtreife erreichen. Die Pubertät ist zu Ende, wenn Kurti endlich regelmäßig sein Bein hebt beim Pinkeln oder die Hündin zum ersten Mal läufig wird. Erwachsen sind die dann aber noch lange nicht!
Denn wovon wir hier eigentlich reden, das ist die sogenannte Jugendentwicklung. Und die dauert zwischen 24 und 35 Monaten (bei großen Hunden). Wir verdanken der Domestikation, dass wir Kinder zeugen können, obwohl wir selber noch grün hinter den Ohren sind. Genau wie bei euch Menschen, hehe... Bei wilden Tieren korrelieren Geschlechtsreife und Jugendentwicklung besser. Aber die sind ja nun auch wirklich auf sich gestellt.

So. Was nun wichtig zu wissen ist, ist, dass in dieser Zeit unser Gehirn bekloppt spielt. Es verändert sich dramatisch! Unser Arbeitsspeicher, das Kurzeitgedächtnis - der sogenannte präfrontale Kortex, der auch für die Impulskontrolle zuständig ist - wird in der Jugendentwicklung messbar kleiner. Es gibt dort weniger Zellen als normalerweise.
Auf der anderen Seite wird der Mandelkern - also der Teil im Hirn, der für Emotionen und Instinkte zuständig ist - größer! Er bekommt mehr Verschaltungen mit der Folge, dass wir leichter erregbar sind und Angst und Aggression leichter ausgelöst werden. Was logisch ist, denn das kann unter Umständen Leben retten. Und das ist wichtig, jetzt, wo wir theoretisch selber auf uns aufpassen müssen...
Wir haben also keine Zeit, lange nachzugrübeln, ob der abgesägte Baumstumpf auf der ansonsten leeren Wiese - der übrigens garantiert erst seit heute da liegt, zumindest haben wir ihn bis dahin noch nie wahrgenomnmen - uns wohlgesonnen ist oder nicht! Da heißt es gucken und reagieren - und zwar alles in einem. Gedacht wird später.

So. Und da wundern wir uns also nun, dass Kurti nicht mehr hört und "Sitz" macht, wo der doch gerade blitzartig entscheiden muss, ob ihm der Baumstumpf ans Leder will? Der arme Kerl, DER KANN GAR NICHT ANDERS als nicht zuzuhören! Kurti ist weder stur noch dickköpfig, noch will der die Weltherrschaft und sich auflehnen! Sein Gehirn ist zurzeit einfach "under construction". Olle Kurti ist die nächsten Monate neuronal out of order! Und dafür kann der nun echt nix. Nach der Jugendentwicklung übrigens werden diese neuronalen Schaltkreise wieder umgebaut. Dann übernimmt der präfrontale Kortex die Führung und die alte Ordnung ist wieder hergestellt.

Aber was bedeutet das jetzt für das Training? Braucht Kurti jetzt wirklich eine strengere Erziehung? Oder sollte man ihn einfach mal machen lassen, schließlich soll er ja nun seine eigenen Entscheidungen treffen?
Wer seinen Hund bis dahin gut trainiert hat und ihm viele wichtige Basics beigebracht hat, der hat eine super Grundlage geschaffen und sollte einfach genauso weitermachen. Die Devise heißt jetzt: Am Ball bleiben! Nicht aufgeben, nicht verzweifeln, nicht sauer werden. Es gibt keinen Grund, den Hund nun härter anzufassen. Trainiert einfach weiter wie bisher. Und wenn der Pubi sich nicht konzentrieren kann, dann brecht halt ab und macht ein anderes mal weiter. Bleibt geduldig und konsequent. Und lächelt! Das hilft. Zumindest eure eigene Laune hochzuhalten...
Und wenn ihr im Hinterstübchen behaltet, welche neurologische Party im Hirn des Hundes da gerade steigt, dann habt ihr das Wissen, das ihr braucht, um das nötige Verständnis aufzubringen zu akzeptieren, dass euer Hund euch gerade des öfteren scheinbar den Stinkefinger zeigt. Er meint es nicht so. Ehrenwort! : )

5 eloquente Meinungen zu dem Quatsch : )

  1. Wie immer super. Und kommt gerade richtig. Nach unsaglichem Warten bis dieser sch... Hormonchip weg ist sibd wir endlich richtig in der Pubertät :) Wir findrn alle Mädels toll, aich wenn die gerade andeuten, sie würden uns den Kopf abbeißen. Und alle zwei Sekunden muss geschnüffelt werden. "Weiter" ist egal und wenn Frauchen dann doch weiter geht krallen wir uns am Boden fest. Und sauer werden darf man schon...brungt aber nur was fürs Seelenheil :D

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  2. Sehr schön geschrieben, anschaulich... vielen Dank :)

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  3. Wir haben zwar keinen Hund, ich muss aber sagen, dass deine "Abhandlung" sehr anschaulich, verständlich und vor allem sehr unterhaltsam ist. Also sollte es bei uns jemals einen Vierbeiner geben, der bellt... dann weiß ich jetzt schon, an wen ich mich mit evtl. auftretenden Problemen wenden werde.
    So wie du es beschreibst, scheint diese Entwicklungsphase bei Hunden und Menschen jedoch sehr ähnlich zu sein.

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  4. Toll geschriebenes Blog, macht Spaß, hier zu lesen - und der junge portugiesische Wasserhund sieht so einem Riesenschnauzer gar nicht so unähnlich meint mein Mädchen Susi Sorglos. Allerdings scheinen sie doch sehr viel früher in die Pubertät zu kommen. Unsere Riesen fangen mit dem Bein heben meistens erst so kurz vor einem Jahr an, sind halt doch lange Kindsköpfe ;)

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  5. Nun, wir haben ein Terriermädel, welches mit 6 Monaten erstmals (frühreif) läufig wurde und nun (hoffentlich nicht auch noch scheinträchtig wird). Ansonsten orientiert sie sich sehr souverän an der adulten Dobi-Hündin.

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Wenn du allerdings einfach nur mal unter dem Deckmäntelchen der Anonymität oder wegen mir auch unter deinem richtigen Namen unflätig werden oder destruktiv stänkern willst, weil dir sonst keiner zuhört, dann wird dies hier leider nicht deine Bühne werden - versprochen! : )